Blogger-Interview mit Jenni von „Mehr als Grünzeug“

Heute habe ich etwas ganz Besonderes für dich vorbereitet, und zwar ein Interview mit der wundervollen Jenni! Auf ihrem Blog „Mehr als Grünzeug“ teilt sie ihre Gedanken zu allen möglichen Themen, die irgendwie in Verbindung mit Nachhaltigkeit stehen, und all das mit viel Liebe, wunderschönen Bildern und noch dazu ganz ohne Dogmatismus.

Also mach es dir mit einer guten Tasse Tee oder Kaffee gemütlich, und los geht’s!

Interview mit Jenni von Mehr als Grünzeug

1.: Das Thema Nachhaltigkeit umfasst ja viele verschiedene Bereiche, wie zum Beispiel Fair Fashion, Zero Waste, Veganismus, und natürlich noch vieles mehr. Welcher Bereich bzw. welche Bereiche sind für dich persönlich am wichtigsten und warum?

Oh, das ist eine schwierige Frage.

Hättest du sie mir vor zwei Jahren gestellt, hätte ich sofort mit „Veganismus!“ geantwortet. Damals habe ich gerade angefangen, meine ersten Schritte auf diesem Gebiet zu machen (aus dieser Motivation heraus ist auch der Blog entstanden) und war vor allem aus tierethischer Perspektive Feuer und Flamme für diese Lebensweise (bin ich übrigens immer noch).

Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass, sobald man beginnt, sich in die Materie einzuarbeiten, viele Dinge in den Fokus rücken und wichtig werden. Fair Fashion, Zero Waste und allgemein weniger Konsum sind Aspekte, die ebenfalls einen Mittelpunkt in meinem Leben darstellen und allesamt zusammenhängen. Sie separat zu betrachten, fällt mir schwer – weil ja beispielsweise Veganismus und Fair Fashion kontextuell sehr miteinander verbunden sind: Fängt man einmal an, kritisch auf seine Kleidung und ihre Herkunft zu schauen, werden die eigenen Anforderungen mit steigendem Wissen immer höher. Ähnlich verhält es sich auch bei Zero Waste.

Ich betrachte das heute als einen Konnex aus Handlungen und Einstellungen, die Ausdrucksformen einer Meta-Ideologie sind, die im Hintergrund Auslöser dafür ist.

Aber wenn ich im Alltag doch mal wählen muss, dann wähle ich fast immer zugunsten des Veganismus. Das ist mir nahezu unangefochtene Priorität.

Interview mit Jenni vom Blog Mehr als Grünzeug

2.: Du schreibst in einem deiner Blogposts darüber, wie der Minimalismus dich verändert hat, und dass du nicht immer minimalistisch gelebt hast. Ich habe den Eindruck, viele Leute tun sich schwer damit, minimalistisch(er) zu leben, weil für sie großer Besitz mit großem Glück gleichzusetzen ist – was würdest du so jemandem raten?

Ich würde raten, nach innen zu schauen.

Denn häufig – ich erlebe das bei mir auch immer wieder; auch jetzt, wo ich nachhaltiger und mit weniger Besitz zu leben versuche – liegt das Konsumbedürfnis in einem Ungleichgewicht in der Person selbst begründet.

Früher habe ich unfassbar viel konsumiert – weil ich dazugehören wollte. Zu den Leuten, die das eben alle so machen. Ich wollte modern aussehen, jung sein, das Leben genießen. Jung bin ich immer noch – aber ich bin vor allem in den letzten zwei Jahren um die Erfahrung reicher geworden, dass ich auch mit weniger genießen und gut aussehen kann.

Die grundlegenden Fragen sind letzten Endes: Wer will ich sein? Wie fühle ich mich gerade? Wo will ich hin? Das sind die großen Fragen, die uns alle beschäftigen – aber die wir so gerne verdrängen. Und die Werbung hilft uns sehr gerne dabei, indem sie unser Belohnungssystem mit schnell verfügbaren materiellen Gütern triggert und unser Gedankenkarussell lahmlegt.

Ich habe kürzlich ein sehr schönes Zitat zu diesem Thema gelesen: „Menschen, die nicht wissen, wer sie sein wollen, kann man alles aufschwatzen.“, sagt Gerald Hüther. Und ich glaube, treffender kann man es nicht formulieren.

Mehr als Grünzeug Interview

3.: Auch wenn Nachhaltigkeit deine Mission ist, schreibst du auf deiner About-Seite, dass niemand gleich ein besserer Mensch ist, weil er vielleicht mehr für die Rettung der Erde tut… Wie gehst du persönlich mit „Gutmenschen“ um und hast vielleicht noch du einen Ratschlag für den Umgang mit Leuten, die das Thema Nachhaltigkeit völlig ignorieren?“

Ich finde Menschen, die anderen ihr vermeintlich besseres, weil nachhaltigeres Leben auf Schritt und Tritt unter die Nase reiben wollen, furchtbar anstrengend. Denn ich habe den leisen Verdacht (er mag begründet oder unbegründet sein), dass die Motivation dahinter vor allem Anerkennung ist. Die brauchen und möchten wir zwar alle (da nehme ich mich absolut nicht aus) – aber ich denke, es kommt immer auf die Form der Kommunikation an.

Menschen, die von sich glauben, das Beste für sich und andere zu tun und bei denen man gewissermaßen auf hundert Metern Entfernung riecht, dass sie ihrer Ansicht nach mindestens eine Auszeichnung dafür verdient hätten und alle anderen ja nur ein minderwertiges, uninformiertes und unverantwortliches Leben führten, finde ich (naturgemäß) sehr unsympathisch. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass sie viel Positives zu der Nachhaltigkeitsdebatte beitragen: Ich kann Veganerin und trotzdem ein Arschloch sein, um es drastisch zu formulieren. Und wer nimmt sich solche Menschen gerne zum Vorbild? Ich denke, das Gesamtpaket muss stimmen.

Deswegen gebe ich auch gerne Schwächen zu und kommuniziere ehrlich, wo auch ich immer noch scheitere – ob aus Bequemlichkeit oder wider besseres Wissen. Das ist menschlich und gehört dazu. Und ich glaube, da ist auch genau der Anknüpfungspunkt für viele, die sich bisher nicht mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ auseinandergesetzt haben: Fangt erstmal klein an – und hört nicht auf die Leute, die meinen, es müssten entweder 100% oder 0% erreicht sein. Es ist kein Geheimnis, dass Spaß dazugehört, wenn man Neues kennenlernen möchte – und Perfektionsstreben neigt dazu, diesen schnell zu unterbinden.

4.: Natürlich macht niemand alles perfekt und keiner von uns kann alleine die Welt retten! Wie hoch sind denn eigentlich deine Ansprüche an dich selbst was Nachhaltigkeit, vor allem im Alltag, angeht? Siehst du dich da als Perfektionistin?“

Ach, ein schöner Übergang!

Ich hatte sehr lange sehr hohe Ansprüche an mich – ich tendiere dazu, dies meinem Leben generell zugrunde zu legen, auch unabhängig von nachhaltigen Fragen.

Mittlerweile mache ich auch Zugeständnisse – überall -, da ich gemerkt habe, dass das Leben so wesentlich einfacher von der Hand geht. Ich würde gerne alles perfekt machen – aber das ist manchmal einfach nicht umsetzbar.

Sei es, weil ich verpennt habe, dass das Klopapier nur noch aus einer mickrigen halben Rolle besteht und ich den Weg zum Unverpacktladen in die andere Stadt einfach nicht schaffe und daher das in Plastik eingepackt Klopapier aus dem Bioladen herhalten muss. Sei es, weil ich manchmal gerne mit Wolle (GOTS-zertifiziert, immerhin) stricke, weil ich sie so viel ästhetischer als Baumwolle finde (und wärmer). Sei es, dass ich mir manchmal abgepackten Sojajoghurt und Tofu gönne. Weil man eben auch nur ein Mensch ist.

Man gerät – vor allem, wenn man sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt und vor allem, wenn man das öffentlich kommuniziert – schnell in einen universalen Rechtfertigungsdruck: Das kann ich doch jetzt nicht machen, das verstößt doch dann gegen das Prinzip. Das wäre nicht nachhaltig.

So gesehen, ist mein Smartphone auch nicht nachhaltig (da sind immerhin Seltene Erden drin) und es ist nicht vegan, dass mir Fliegen an der Windschutzscheibe kleben (ich habe übrigens keinen Führerschein – aber theoretisch gesprochen). 100% gibt es nicht – und es ist müßig, ihnen hinterherzuhecheln. Aber man kann das Beste in der eigenen Situation tun – und ich finde, das ist schon großartig.

Interview mit Jenni von MAG

5.: Und zuletzt: wie sähe für dich eine gerechte und schöne Welt aus?

Das ist schwierig zu beantworten, ohne ins Allgemeine und Pathetische zu verfallen. Kurzgefasst denke ich: Eine gerechte und schöne Welt wäre eine, in der wir als menschliche Masse unseren Hunger nach immer Mehr und Besser in den Griff bekämen.

Ich glaube, wenn man dieses Kernproblem angeht, kann man extrem viele andere und sehr bedeutende weitere Probleme ebenfalls lösen. Aber ob es soweit kommt, ist fraglich.

Bis dahin können wir alle versuchen, uns zu fragen, wer wir sind und sein wollen und was wir auf dieser Erde hinterlassen möchten. Das wäre ein schöner Anfang.

Danke für deine ausführlichen und – wie ich finde – sehr inspirierenden Antworten, liebe Jenni!

Interview mit Bloggerin Jenni von Mehr als Grünzeug

[Werbung // Verlinkte Internetseiten, unbezahlt]

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6 Gedanken zu “Blogger-Interview mit Jenni von „Mehr als Grünzeug“

  1. 50percentgreen schreibt:

    Ein sehr schönes Interview! Jenni ist eine meiner liebsten Bloggerinnen, sie steckt soviel Liebe und Vernunft in ihre Posts, das mag ich sehr :)

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